Fakten zur Erkrankung

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Paroxysmale Nächtliche Hämoglobinurie (PNH)

Die paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH) ist eine seltene, erworbene und chronische Erkrankung des blutbildenden Systems, die durch eine komplementvermittelte Hämolyse gekennzeichnet ist.ref_Hill_2006ref_Hillmen_1995ref_Loschi_2016ref_Rother_2005ref_Borowitz_2010ref_Sahin_2015ref_Parker_2011ref_Parker_2016ref_Schubert_2024

Die klinische Ausprägung von PNH ist variabel, mit folgenden typischen Merkmalen:ref_Hill_2006ref_Hillmen_1995ref_Loschi_2016ref_Schubert_2024ref_Schrezenmeier_2020ref_McKeage_2011ref_Hillmen_2007ref_Luzzatto_2011

  • Intravasale Hämolyse infolge der Komplementaktivierung
  • Thrombophilie mit Neigung zu Thrombosen in typischer und atypischer Lokalisation, die lebensbedrohlich sein können
  • Zytopenien, die von einer milden bis zu einer ausgeprägten Panzytopenie reichen können

Das Komplementsystem – in Kürze

Das ständig aktive Komplementsystem besteht aus einer Vielzahl von Plasmaproteinen und membrangebundenen Oberflächenmarkern, die eine zentrale Rolle bei der schnellen und unspezifischen Immunabwehr des angeborenen Immunsystems spielen.ref_Merle_2015

Zu den wichtigsten Funktionen des Komplementsystems gehören:ref_Kirschfink_2014

  1. Erkennung und Eliminierung von Pathogenen
  2. Aufrechterhaltung der Homöostase

Unter physiologischen Bedingungen sind körpereigene Zellen durch bestimmte Regulationsmechanismen (z. B. durch auf der Zelloberfläche verankerte Komplementinhibitoren) vor einer unkontrollierten Aktivität des Komplementsystems und den damit verbundenen Schädigungen von Gewebe und Blutzellen geschützt.ref_Rother_2005ref_Parker_2005

Pathogenese und Pathophysiologie:

PNH geht auf eine erworbene somatische Variation im PIG-A-Gen auf dem X-Chromosom zurück.ref_Rother_2005ref_Borowitz_2010ref_Sahin_2015ref_Parker_2011ref_Parker_2016ref_Takeda_1993ref_Bassler_1994 Diese pathologische Veränderung betrifft eine oder mehrere pluripotente hämatopoetische Stammzellen des Knochenmarks und führt zur Bildung klonaler Zellpopulationen, die den Defekt tragen.ref_Rother_2005ref_Borowitz_2010ref_Sahin_2015ref_Parker_2011ref_Parker_2016ref_Takeda_1993ref_Bassler_1994 Das PIG-A-Gen kodiert für eine Glycosyltransferase, die für die Bildung von Glykosylphosphatidylinositol-(GPI)-Ankern essenziell ist.ref_Takeda_1993ref_Bassler_1994

* Die Komplementregulatoren CD55 und CD59 wirken der Komplementkaskade entgegen, indem sie die Bildung und Stabilität der C3- und C5-Konvertase regulieren bzw. die Bildung des Membranangriffskomplexes (MAK) hemmen.

 

GPI-Anker dienen der kovalenten Verankerung verschiedener Schutzproteine an der Zelloberfläche, darunter die zentralen Komplementinhibitoren CD55 und CD59.ref_Hill_2013 Fehlen diese Proteine, sind insbesondere Erythrozyten ungeschützt gegenüber dem dauerhaft aktiven Komplementsystem.ref_Parker_2011ref_Parker_2016 Die unkontrollierte Komplementaktivierung führt zur Bildung des Membranangriffskomplexes (MAK, C5b-9) und damit zur intravasalen Hämolyse.ref_Rother_2005ref_Borowitz_2010ref_Parker_2011ref_Parker_2016ref_Hill_2013

† Die C5-Konvertase ist ein Enzymkomplex, der die Aktivität der Komplementkaskade weiter fortsetzt und verstärkt und schließlich zur Bildung des MAK führt.

 

In der folgenden Abbildung sind die Schlüsselelemente des proximalen und terminalen Komplementsystems sowie ihre Interaktionen dargestellt. Sie verdeutlicht die zentrale Rolle des Komplementfaktors C5: Nach Spaltung durch die C5-Konvertase in die Fragmente C5a und C5b initiiert C5b die Bildung des lytischen MAK.ref_Rother_2005ref_Borowitz_2010ref_Parker_2011ref_Parker_2016

Neben der intravasalen Hämolyse kommt es bei PNH zu einer Aktivierung von Thrombozyten und Leukozyten, was das Thromboserisiko maßgeblich erhöht und die potenziell lebensbedrohlichen Komplikationen bedingt.ref_Borowitz_2010ref_Parker_2011ref_Parker_2016ref_Hill_2013

Auslöser der Thrombozytenaktivierung bei PNH sind die unkontrollierte Komplementaktivierung, der Hämolyse-bedingte Mangel an Stickstoffmonoxid, direkte Effekte des freigesetzten Hämoglobins, erhöhte Konzentrationen reaktiver Sauerstoffspezies, endotheliale Dysfunktion sowie eine gesteigerte Thrombinbildung.ref_Hill_2013

Es entsteht ein chronisch prothrombotisches, komplementvermitteltes Milieu, das die Entstehung von Thrombosen bei PNH begünstigt – wie in der folgenden Grafik schematisch dargestellt.ref_Hillmen_1995ref_Loschi_2016ref_McKeage_2011ref_Hillmen_2007ref_Hill_2013

Referenzen

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